Gott, was für eine Nacht! Ein furchtbarer Albtraum hatte mich gequält. Solche Träume ergeben nicht immer einen Sinn, aber mein Herz schien davon keine Ahnung zu haben … Es raste wie nach einem lebensgefährlichen Sprint über den Zebrastreifen einer Autobahn …
Ich sah mich als einer von vielen in einer Mega-Bank arbeiten. Vor mir eine Schalterhalle, die bis zum Horizont reichte – mit Kunden, deren Schlangen – linker Hand – ebenfalls bis zum Horizont reichten.
Es war das Jahr EZB 22 neuer europäischer Zeitrechnung. Die 14 Staatenvorstände (alles ehemalige Lehmann-Banker) hatten längst alle Schaltstellen der Macht erobert und das Bankwesen immer weiter ausgebaut. Die Schalterhalle meines Traums nahm irgendwo in einem kleinen, ehemals unbedeutenden Land ihren Anfang, verbreitete sich dann aber sternförmig in ganz Europa. Klar, dass diese Bank nach kurzer Zeit „too big to fail“ war.
Unsere Währung wurde vor vielen Jahren durch das Credit ersetzt und der Name war durchaus Programm … Zuerst wurden in Europa alle Geldautomaten so umgebaut, dass der Kunde über den gewünschte Betrag bei jeder Abhebung einen Darlehensvertrag mit variablem Zinssatz eingehen musste. Dasselbe Spiel bei Fahrkarten- und Briefmarkenautomaten. Selbst die Parkuhr ließ sich nur noch per Credit und variablem Zinssatz dazu überreden, einen Parkschein herauszugeben.
Ich glaube, an dieser Stelle wälzte ich mich erstmals von der einen zur anderen Seite. War mir kalt? War mir warm? Ich weiß es nicht mehr …
Gekriegt hatten sie uns dann mit einem völlig neuen Vergütungsmodell für die digitale Gesellschaft. Computer und Displays wurden nur noch mit Iris-Erkennung ausgeliefert. Schaute sich dann jemand ein Foto an, wurde sofort ein winziges Darlehen angelegt, die erste Rate vom Konto des Lesers abgebucht und – abzüglich der Mega-Bank-Provision – dem Künstler gutgeschrieben. Genauso bei Musik, Artikeln, oder Geschichten.
Die Welt der Kreativen blühte plötzlich auf und ausnahmslos jeder Künstler, oder neutraler: Jeder Produzent digitaler Inhalte, erhielt plötzlich ein nennenswertes Einkommen. Von Seiten der Produzenten gab es von Anfang an keinen Widerstand gegen die neue Technologie. Das änderte sich erst dann (und auch nur ganz langsam), als Bezahlvorgänge in immer größerem Ausmaß in Darlehensverträge umgeschrieben wurden. Das war einerseits praktisch, denn niemand musste bei entsprechenden Käufen noch Geld auf den Tisch legen, aber immer mehr Menschen verloren Komplett die Übersicht darüber, welche Verträge sie am Laufen hatten. Der eine zahlte noch 3 Monatsraten für seinen Einkauf bei Aldi und der andere noch 7 Raten für das halbe Hähnchen vom vergangenen Samstag.
Sicher, das waren alles kleine Beträge, aber alle stellten am Ende des Monats fest, dass Kleinvieh tatsächlich Mist macht. Irgendwann war diese „Zahlungstechnik“ so etabliert, dass die Mega-Bank den nächsten Schritt tun konnte. Zinsen waren längst ein vertrauter Mechanismus bei der Kontoführung. Nun setzte man bei der Megabank den variablen Tages-Zinseszins ein – eine anscheinend minimale, aber letztlich sehr mächtige Stellschraube im finanziellen Gefüge. Mit dieser Maßnahme verlor auch der letzte Bürger die Übersicht darüber, welche Kosten er bis zum Ende des Monats zu begleichen hatte.
Einige wenige Menschen wehrten sich. Es sind Aktionen überliefert, nach denen sich Demonstranten an die letzten Geldautomaten ohne automatischen Darlehensvertrag ketteten. Vergeblich …
Als die Proteste der Menschen zu groß wurden, haben die 14 Staatenvorstände letztmals nachgegeben und versprochen, den Tages-Zinseszins übersichtlicher zu gestalten. Er wurde dann an den Börsenkurs der Mega-Bank gekoppelt – und die Kurse kannten nur eine Richtung …
Jeder sah inzwischen zu, dass er die eine oder andere Überstunde machen konnte. Man sah Inhaber großer Unternehmen Nachbarn (gegen Credits) beim Tapezieren helfen (der Ferrari musste irgendwie finanziert werden), Polizisten nach dem Dienstschluss Hunde ausführen und Postboten, Busfahrer, Krankenschwestern und Bürokaufmänner machten gar keinen Feierabend mehr. Der Tageszinseszins drehte die europäische Welt. Niemand dachte noch über Politik oder Gerechtigkeit nach, keiner hatte mehr Zeit zum Wählen (was auch?).
So oder so, die Boni würden fließen – ohne Ende – genau wie die Schalterhalle in meinem Traum immer weiter wachsen würde. Als ich allerdings irgendwann versehentlich einen Blick auf meinen Kontoauszug riskierte, bin ich vor Entsetzen schlagartig erwacht! Ich hatte doch tatsächlich vergessen, die längst fällige Rate für meine Papiertaschentücher zu zahlen …
Jörn Daberkow
Ergänzende Links

8. Januar 2012 um 11:00 Uhr
Hammer, Jörn.
So detailliert träumen würde ich auch gern mal.
Wohin sich unsere Leistungsgesellschaft und das monetäre System hinbewegen werden, das weiß keiner. Ich habe die Hoffnung in unsere Gesellschaft allerdings nicht verloren und weiß dass sie lernfähig sein kann, aus vergangenen Fehler lernt.
Sicherlich nicht zwangsläufig, wie man immer wieder feststellt und sich Geldabwertungen verschiedener Länder und andere Sachen anguckt.
Doch sehe ich eine zukünftige Gesellschaft heranwachsen, die bewußter und kritischer mit vielen Dingen umgeht.
Hoffen wir das Beste, denn die Hoffnung stribt zuletzt.
Lg, Peter
8. Januar 2012 um 12:00 Uhr
Ich glaube übrigens nicht mehr an irgendeine politische, oder soziale Verbesserung.