Revolution!

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27. Oktober 2014 – Nicht, dass ich es wirklich kommen sah, aber als es dann losging, war nicht nur ich bestenfalls verhalten überrascht. Schockierend war allerdings die Gewalt, die alsbald schier apokalyptische Ausmaße annahm und in Windeseile das ganze Land erfasste …

Wochen, ja Monate zuvor gab es in den Medien immer wieder Diskussionen über die Finanzwirtschaft. Je nachdem, wem welches Medium gehörte, war entweder von einer Staatschulden- oder einer Banken-Krise die Rede. Für die Menschen auf der Straße machte das irgendwann keinen Unterschied mehr, denn sie merkten, dass sie so oder so aufs Kreuz gelegt wurden – vor allem die, die am wenigsten hatten …

Wo es begann, ließ sich am Ende nicht mehr feststellen, aber diverse Reportagen deuteten auf einen Supermarkt in Bremen hin. Demnach öffnete der einzige Mitarbeiter während einer Pause an der Kasse seine Lohnabrechnung und rastete in der Folge aus. Die damaligen Ereignisse sind nicht vollständig überliefert, aber angeblich rannte der Mann auf die Straße und machte seinem Ärger schreiend Luft.

6 Monate früher hätte das bei den vorbeikommenden Passanten bestenfalls Unbehagen oder Kopfschütteln ausgelöst, aber hier kamen mehrere, sich ergänzende Faktoren zusammen, die die Lage dann nachhaltig entzündeten. Große Dinge beginnen manchmal ganz klein …

Während der Supermarkt-Mitarbeiter seine Wut über nicht gehaltene Wahlversprechen der neuen SPD-Regierung in Berlin laut über die Straße schrie, waren einige Männer in der Nähe dabei, im Müll auf dem Hinterhof nach noch halbwegs genießbaren Lebensmitteln zu suchen. Das Gebrüll war allerdings so laut, dass sie neugierig nachsahen. Der Kassierer beruhigte sich kurz darauf. Er sackte auf dem Gehweg zusammen und schluchzte. Und wieder griff ein Rädchen ins Andere, denn diese 5 Männer waren (wie so viele in Bremen) kurz zuvor arbeitslos geworden, sie hatten Mitleid und näherten sich dem am Boden liegenden Kassierer. Einer der 5 sprach den heulenden Mann an, woraufhin der (so steht es viele Jahre später zumindest in den Geschichtsbüchern) erzählte, dass sein Vollzeit-Gehalt inzwischen so niedrig sei, dass er auch mit seinem Putzjob nach dem Supermarkt nicht mehr über die Runden käme. Selbst seine nächtlichen Fahrradreparaturen in der Nachbarschaft brachten nicht mehr genug ein, um ihn über Wasser zu halten.

Die SPD hatte die Wahl zwar gewonnen, in der Folge aber diverse Sozialleistungen dramatisch gekürzt – und nein, diesmal hieß es nicht „alternativlos“, sondern „zu unserem größten Bedauern“, „von unseren Vorgängern verschuldet“ und so weiter … Aber vielleicht waren auch die Wähler Schuld, denn nachdem sich das Parteiensystem in einer Weise verselbständigt hatte, dass das Wort „alternativlos“ hier tatsächlich passte, ging die Wahlbeteiligung immer weiter zurück. Niemand wollte sich noch weiter mit leeren Versprechungen, oder irgendeiner Art von Personenwahlkampf beschäftigen, bei dem Programme, Kompetenzen und Inhalte nebensächlich, die Haarfarbe und verbale Schlagfertigkeit im Fernsehen aber das einzige waren, mit dem Kandidaten zu punkten versuchten.

Laut dem damals amtierenden Bundeskanzler wurden in den vergangenen Jahren durch all die Banken- und Staatsrettungen gewaltige Löcher in die Staatskasse gerissen und man müsse halt sparen. Hinzu käme, dass der deutsche Vertreter im ESM-Gouverneursrat wider Erwarten und trotz ausdrücklicher Weisung aus Berlin keinen Gebrauch von seinem Vetorecht machte und damit sehr große Summen zur finanziellen Konsolidierung Europas aus deutschen Kassen abgezogen wurden. Es wäre schlicht kein Geld mehr da, hieß es …

Gekürzt wurde dann – wie so oft in der Vergangenheit – nicht nur bei den Sozialleistungen, sondern auch beim Kündigungsschutz, denn das war nach Überzeugung all der Regierungen der letzten Jahre die beste Garantie dafür, die vielen Menschen zumindest vorübergehend in Lohn und Brot zu bringen. Immerhin entschloss sich die SPD-Regierung nach anschwellenden Protesten der Gewerkschaften einen landesweiten Mindestlohn von 3 Euro 25 einzuführen, der – welch ein Wunder – ohne jeden Kommentar von Arbeitgeberseite übernommen wurde. Nach wie vor war keine Rede davon, die Verursacher der Krisen in die Verantwortung zu nehmen. In jenen Tagen wurde es für bestimmte Berufsgruppen immer risikoreicher, sich zu erkennen zu geben …

Nun – der Kassierer beruhigte sich wieder und so standen 6 Männer beisammen, die vom Schicksal nicht wirklich bevorzugt worden waren. Es wurde noch ein wenig geredet und dann gehandelt …

Der Kassierer streifte seinen Kittel an Ort und Stelle ab, holte aus dem Supermarkt 6 Besenstiele, dicke Pappe und breit schreibende Filzstifte. Flugs waren 6 Protestschilder fertig, die – so seltsam das angesichts der folgenden Ereignisse im ersten Moment scheint – noch heute im Revolutionsmuseum in Berlin am Potsdamer Platz zu besichtigen sind.

Die 6 stellten sich kurz entschlossen auf die Straße und hielten ihre Schilder hoch. Sehr schnell bildete sich ein eindrucksvoller Stau und die Polizei ließ nicht lange auf sich warten … Abermals griff ein Rädchen ins andere, denn nicht nur die Polizei war schnell vor Ort, sondern auch zwei Journalisten im Praktikum einer damals noch existierenden Boulevardzeitung. Während die „Ordnungshüter“ die 6 Männer kurzerhand wegen der nicht genehmigten Demonstration mit Schlagstöcken von der Straße prügelten, hielten der Redakteur und der begleitende Fotograf die Szenen aus sicherer Entfernung fest. Der daraus entstehende Artikel wäre – hätte damals irgendwer in der chronisch überlasteten Redaktion die Zeit gefunden, den vorher zu sichten – nie veröffentlicht worden – wurde er aber …

Am nächsten Tag standen plötzlich buchstäblich tausende Menschen vor der Wache in Bremen und skandierten „Lasst sie raus, lasst sie raus, lasst sie raus“! Nun, es war kein Zufall, dass diese Wache – wie so vieles in den alten Tagen – völlig unterbesetzt war. Die Beamten waren zumindest ähnlich frustriert, wie die wütende Menge vor der Tür. Wozu Widerstand leisten? Überraschend war hier nur (oder – je nach Perspektive auch nicht), dass die Staatsdiener nicht nur die 6 Männer herausgaben, sondern sich sogleich den Demonstranten anschlossen! Zusammen machte man sich auf den Weg durch Bremen … Wieder war es die Presse, die – noch etwas ratlos – live über den Bremer Protestzug berichtete. Anscheinend hatten unzählige Menschen im Land nur auf so eine Gelegenheit gewartet, denn kurz nach den ersten Berichten taten sich überall weitere Menschenmassen zusammen, die ihrem Ärger über soziale Ungerechtigkeit, niedrige Löhne und unsichere Jobs auf der Straße Luft machten.

Ein letztes Mal waren es kleine Ereignisse, die eine große Wirkung entfalteten: Ein Polizist in Würzburg sah sich allein einer wütenden Menschenmenge gegenüber. Der Beamte fühlte sich bedroht – wohl auch, weil sich niemand von seiner Waffe beeindrucken ließ. Der darauf folgende Schuss traf einen 16-jährigen Jungen in den Kopf. Gleich darauf verstarb auch der Schütze – weil er von zahllosen Wurfgeschossen getroffen wurde. Die wenig später eintreffende Verstärkung schoss erst in die Luft und dann auf die heranstürmende Menge. Wie viele Menschen im staatlichen Kugelhagel getötet wurden, ist bis heute nicht exakt überliefert, aber im ganzen Land brandete urplötzlich Gewalt auf, der niemand mehr Herr wurde. Polizei und Bundeswehr schossen mal auf die marodierenden Menschen und mal auf ihre alten Kollegen. Es war Chaos pur. Geschäfte wurden geplündert und kaum ein Politiker, oder Lobbyist hat die damaligen Unruhen überlebt …

Wir haben damals mitgekämpft, unsere Frauen und Kinder aber für die Tage der Revolution im 5. Stock verbarrikadiert. Zur Sicherheit haben wir uns nie zu weit von zu Hause entfernt.

Natürlich versuchten die alten Seilschaften immer wieder Menschen aus ihren Kreisen in maßgebliche Positionen zu bringen, aber niemand wollte die alten Verhältnisse zurück und so wurden keine bekannten Gesichter aus Politik und Wirtschaft akzeptiert – nicht mal ehemalige Parteimitglieder (soweit bekannt) durften noch ein politisches Amt übernehmen. Niemand wollte mehr zu alten „Werten“ und Systemen wie „Fraktionszwang“, oder „Marktkonforme Demokratie“ zurückkehren. Es wurde von Anfang an darauf geachtet, dass die zurückgewonnene Demokratie auf eine sicherere und transparentere Basis gestellt wurde – ohne Einfluss von Lobbyisten oder anderen Kräften …

Wann immer es ging, verfolgten wir die Nachrichten, die mehr und mehr den Tonfall ihrer Berichte änderten. Während zu Beginn von Terroristen gesprochen wurde, ging es in der Folge immer mehr um die Teilnehmer einer landesweiten Befreiungswelle. Irgendwie interessant …

Eines gilt offenbar immer noch: Die Gewinner schreiben die Geschichtsbücher.

Autor: joern

Fotografie und Musik sind ein substanzieller Teil meines genetischen Codes und keine freie Entscheidung.

2 Kommentare

  1. Ich glaube, Griechenland ist nicht mehr weit von dem Szenario entfernt. Und ich könnte die betroffenen Bürger aus der Mittelschicht sehr gut verstehen!

    • Hallo Markus,

      angesichts dessen, was da drüben so abgeht, finde ich es immer noch überraschend friedlich … Und ja, sollte es da drüber doch noch mal richtig krachen, könnte ich das total verstehen.

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